Die Gabe der Sprache
In Freiheit zeigen die Papageien viele natürliche Begabungen; in Gefangenschaft beweisen sie erstaunliche Fähigkeiten. Wir haben alle von ihrer Anpassungs-, Zähmungs- und Lernfähigkeit gehört, von ihrer Geselligkeit, der Zuneigung, die sie ihrem Besitzer entgegenbringen, ihrer äussersten Empfindsamkeit (die sie dahinsiechen lässt, wenn man sie von denen trennt, mit denen sie zu leben gewohnt sind, Menschen oder Vögeln), aber auch und vor allem von ihrem Gedächtnis und ihrer Nachahmungsgabe. Das ist im Übrigen ihre spektakulärste Eigenschaft.
Ohne Zweifel ist der Graupapagei der beste Sprecher. Auch die Blaustirnamazone gehört zu den sehr guten Sprechern. Die Aras sind nicht sehr sprachbegabt, dafür umso mehr für Rufe. Man kann dennoch einige Wörter von ihnen erwarten. Der Nymphensittich und der Wellensittich können ebenfalls einige Wörter artikulieren.
Das Erlernen der Sprache
Diese erstaunliche Fähigkeit, die menschliche Sprache nachzuahmen, die Papageien und andere sprechende Vögel besitzen, macht sie spannend zu erforschen und zu faszinierenden Heimtieren. Um sie dazu zu bringen, diese Sprachgabe zu zeigen, und um sie zu vervollkommnen, ist es selbstverständlich eine Sache des Lernens: Genau wie man einem Kind die Aussprache von Wörtern und Sätzen beibringen würde, muss man den Papagei als einen echten kleinen Schüler betrachten! Das erfordert regelmässige Lektionen, Geduld, Psychologie und ein Mindestmass an Pädagogik. Es ist selbstverständlich auch bei einem jungen Vogel einfacher als bei einem erwachsenen.
Die erste Regel besteht darin, es als Einzelunterricht zu betrachten: Hat man mehrere Papageien, darf man immer nur einem zur Zeit Unterricht geben und sollte, wenn möglich, mit ihm allein sein. Die ausschliessliche Aufmerksamkeit, die man dem Vogel während dieses Tête-à-Tête schenkt, ist für ihn sehr befriedigend und daher sehr motivierend. Die Lektionen müssen zu regelmässigen Zeiten und zum für ihre gute Aufnahme günstigsten Zeitpunkt gegeben werden. Tatsächlich hängt alles von den Gewohnheiten und dem Lebensrhythmus des Tieres ab, wobei wichtig ist, dass die Lektion zu dem Zeitpunkt stattfindet, in dem der Vogel am ausgeruhtesten und daher am aufnahmefähigsten ist. Plagt ihn der Hunger, ist er vor allem mit seinem Magenknurren beschäftigt, und die Lektion wird schwer … verdaulich sein!
Zu Beginn des Lernens, und damit sich der Vogel mit der Stimme seines Besitzers vertraut macht, beginnt man damit, ihm ein einziges Wort oder einen sehr kurzen Satz beizubringen, etwa «Guten Tag Milord!» oder «Wie geht's Coco?», und zwar gleich beim Aufwachen, während sein Käfig noch abgedeckt ist. Man muss denselben Satz mehrmals am Tag wiederholen, langsam und geduldig.
Man muss dieselben Sätze unermüdlich und sanft wiederholen, so deutlich wie möglich artikulierend und mit der passenden Betonung (jener, die mit der Bedeutung des Satzes übereinstimmt). Eine neue Lektion beginnt man erst, wenn der Vogel die vorhergehende gut aufgenommen hat. Es kann auch sein, dass der Vogel eines schönen Tages spontan einen Satz ausspricht, den man ihm nie beigebracht hat!
Auf das Gelingen einer Aufgabe muss die Vergabe einer Belohnung folgen, um das Tier dazu anzuregen, sich das Verhalten (hier das Wiederholen von Wörtern) einzuprägen und zu wiederholen, um erneut die Belohnung zu erhalten. Man spricht dann von positiver Verstärkung. Von einer zu ernsten Bestrafung kann jedoch keine Rede sein: Man bestraft den Vogel niemals zu streng, macht ihm keine Angst, indem man plötzlich die Stimme erhebt, und entmutigt ihn nicht mit Drohungen. Er ist nämlich mitunter sehr empfindlich, und man liefe Gefahr, dass er sehr lange schmollt …
Nachdem sich der Papagei einen Wortschatz zum Wiederholen aufgebaut hat, kann er seine Sprechgabe verfeinern, indem er seinem Herrn durch die Verknüpfung des Wortes mit dem Gegenstand und sogar des Wortes mit der Handlung antwortet. Die Papageienvögel sind zu noch komplexeren Verknüpfungen fähig: Formen, Farben und Kombinationen aus beidem. Sie können auch den vertrauten Tieren des Hauses den Namen jedes einzelnen zuordnen. Die Blaustirnamazone einer Dame rief, ohne sich je zu irren, jeden der 24 (!) Chihuahuas ihrer Herrin beim Namen!
Die erstaunliche Fähigkeit, die artikulierte Sprache des Menschen wiederzugeben und nachzuahmen, entspricht aller Wahrscheinlichkeit nach treffenden, wohlüberlegt geäusserten Verknüpfungen vom Laut zum Bild, vom Wort zur Handlung und zum Gegenstand. Diese Lautäusserungen werden mit einer Tonlage übertragen, die dem persönlichen Akzent der Stimme des Besitzers vergleichbar ist. Der stimmliche Austausch ist eng mit den gefühlsmässigen Empfindungen verbunden, die sie mit ihrem Herrn austauschen, und bildet eine wahre Sammlung von Kommunikationen.
Was das Gedächtnis der Papageien betrifft, so müssen ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet nicht mehr bewiesen werden. Viele kennen auswendig entweder Fabeln von La Fontaine, Gedichte oder Lieder. Ein Blaustirnamazone rezitierte fehlerfrei « Der Rabe und der Fuchs » und konnte zudem, auf einem Bein stehend und mit aufgeplustertem Gefieder, mit ihrer näselnden Stimme aus voller Kehle « Il était un petit navire » und « Frère Jacques » singen.
Laut dem Guinness-Buch der Tiere hatte ein Graupapagei namens « Prudle » einen Wortschatz von 800 Wörtern! Und ein Wellensittich, « Puck », hatte einen geschätzten Wortschatz von 1728 Wörtern!
Häufige Krankheiten
Wie alle Vögel verbergen Papageien und sprechende Vögel die Krankheit lange: Wenn die Anzeichen sichtbar werden, ist die Situation oft bereits ernst.
Ein Vogel, der das Gefieder aufgeplustert hält, reglos am Boden des Käfigs sitzt, döst, aufhört zu sprechen oder die Nahrung verweigert, sollte Sie alarmieren. Beim Vogel sind diese unauffälligen Anzeichen oft bereits spät: Man darf nicht warten.
Mangelnde Aufmerksamkeit, Langeweile oder Stress bringen diese Vögel oft dazu, sich die Federn auszurupfen oder sogar in die Haut zu beissen (Federrupfen, Selbstverstümmelung). Gewisse Infektionen befallen auch die Federn und den Schnabel (Schnabel- und Federkrankheit oder PBFD) und schädigen das Gefieder dauerhaft.
Eine Infektion namens Psittakose (oder Chlamydiose) kann den Vogel matt, aufgeplustert und appetitlos machen; sie kann auch auf den Menschen übertragen werden. Eine zu einseitige Ernährung führt schliesslich zu einem Mangel an bestimmten Vitaminen (vor allem Vitamin A). Auch Schnabel und Krallen können zu lang wachsen.
Wann rasch einen Tierarzt aufsuchen wiederholt aufgeplustertes Gefieder, weniger lebhafter oder weniger sprechender Vogel, ausgerissene Federn oder sich verschlechterndes Gefieder, zu langer Schnabel oder zu lange Krallen, anhaltend anormaler Kot (Farbe, flüssig).
Wann sofort einen Tierarzt aufsuchen erschwerte Atmung (offener Schnabel, mit jedem Atemzug wippender Schwanz), teilnahmslos am Boden des Käfigs sitzender Vogel, der das Fressen verweigert, ausgeprägte Mattigkeit mit aufgeplustertem Gefieder.
Zum Merken Beim Vogel ist ein sichtbares Anzeichen oft schon ein spätes Anzeichen: nicht warten. Gesellschaft, abwechslungsreiche Ernährung und regelmässige Betreuung beugen vielen Problemen vor. Diese Informationen ersetzen keine tierärztliche Konsultation.